Wird der Datenschutz zum Innovationskiller?

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Datenschutz ist zweifelsohne ein wichtiges Thema gerade mit Daten von Kindern. Wie steht es aber mit den Verpflichtungen der grossen Softwareplayer? Gerade US-Unternehmen sind ja mit dem CLOUD-Act zur Weitergabe von Daten an ein Bundesgesetzt gebunden.

Seit der Datenschutzbeauftragte von Thüringen Lutz Hasse von Bussgeldern gegen Lehrpersonen sprach, die während des Lockdowns mit ihren Schülern möglicherweise nicht datenschutzkonforme Apps verwendet haben, ist eine kontroverse Diskussion im Gange, welche Apps man überhaupt verwenden darf und welche nicht. Auch die Aussage von Herr Lutz, dass der Datenschutzbeauftragte aus wettbewerbsrechtlichen Gründen keine Apps empfehlen oder explizit verbieten kann, macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Die Möglichkeiten einer Klage gegen Lehrkräfte ist im Moment sicher sehr klein und würde enormes öffentliches Interesse erregen, aber ein Impuls für digitale Experimente im Klassenzimmer ist es sicher auch nicht.

Wo harzt es denn sonst noch, wenn es um Digitalisierung in der Schule geht?

Meine Erfahrung zeigt folgendes:

  • Es gibt keine einheitliche Lösung für alle: Die Bedürfnisse von Lernenden und Unterrichtenden sind zu verschieden, als dass man diese in einer einzigen Plattform unterbringen könnte. Ein Möglichkeit wäre ein modulares System, dazu später mehr.
  • Eine datenschutzkonforme Plattform zu programmieren ist aufwändig, nur grosse Firmen oder Lehrmittelverlage können sich das leisten. Kleinere Unternehmen werden es sich zweimal überlegen, ob sich das lohnt.
  • Wenn man in der Schule digitale Vielfalt bieten möchte, braucht es für jede App ein unterschiedliches Login. Ich habe gerade bei der Fernlernzeit meiner jüngeren Tochter erlebt, dass dies für Primarschulkinder enorm verwirrend ist.
  • Laut CLOUD Act sind US-amerikanische Firmen dazu verpflichtet den Behörden Einblick in Ihre Daten zu geben, auch wenn die Kunden im Ausland leben und die Daten ausserhalb der USA gespeichert sind. Streng genommen wären also auch Microsoft, Google und jede andere US-Firma, je nach Gesetz der einzelnen Länder nicht datenschutzkonform.
  • Datenschutzkonforme Anwendungen von Bildungsbehörden, die extra für Schulen programmiert wurden, sind im Look and Feel kaum mit heutigen Apps zu vergleichen. Es fühlt sich ungefähr so an als ob man im Jahr 2020 noch mit Windows 95 arbeiten würde. Die heutige Tablet- und Smartphonegeneration wird das nicht vom Hocker reissen.
  • Die bürokratischen (Um-)wege sind zu lang: Es kann Monate dauern, bis man eine Software auf einem Schullaptop installieren kann, deshalb greift man zu registrierungspflichtigen Webanwendungen, die dann unter Umständen nicht den Datenschutzanforderungen entsprechen.

Was ist aus den Bildungsservern geworden?

Für uns Lehrpersonen wäre es eindeutig praktischer auf einen etablierten und sicheren Bildungsserver zuzugreifen. Die grosse Ära der Bildungsserver war vor ungefähr 20 Jahren. Da entstanden in verschiedenen Ländern zur damaligen Zeit recht innovative Angebote – mehrheitlich Materialiensammlungen mit Arbeitsblättern, Präsentationen und anderen Daten. Die klassischen Bildungsserver sind inzwischen immer mehr vom Netz verschwunden. Die wenigen die es noch gibt wirken angestaubt. Auch educa.ch stellt Ende Jahr ihre Plattform educanet2 ein. Es spricht für sich, dass die Hauptseite educa.ch über keine mobile Ansicht verfügt und auf dem Handy unlesbar bleibt.

Eine neue Chance für Bildungsserver

Die Coronakrise hat gezeigt, dass wir von digitalem Unterricht noch weit entfernt sind. Wir haben zwar digitale Tools zur Verfügung gehabt und haben das so gut wie es ging über die Bühne gebracht, aber viele wünschen sich diese Wochen nicht mehr zurück. Abgesehen vom fehlenden sozialen Kontakt war das Entgegennehmen von Arbeiten eine Herausforderung: Soll ich mir den Text via Email, Whatsapp, Teams oder sonstwie schicken lassen? Wie soll ich anschliessend die Korrekturen verteilen? Wie sehe ich wer wo noch Unterstützung braucht? Wie behalte ich den Überblick über all die verschiedenen Einsendungen und Abgabedaten? Heikel wird es bei Videos: Die sind dank moderner Smartphones schnell gemacht, doch wie verschickt man sie? Auf Youtube geht das schnell, aber datenschutzkonform ist es nicht.

Das alles lässt sich mit digitalen Tools organisieren, aber es gibt diese Werkzeuge erst in Ansätzen. Die Digitalisierung soll uns die Arbeit erleichtern und administrative Arbeit ersetzen. Zeit, die wir unseren Schülern und der Unterrichtsvorbereitung widmen können. Deshalb sehe ich eine neue Chance für Bildungsserver: Diese sollen eine Plattform zur Verfügung stellen, die selber nur sehr wenig kann. Sie soll die Schüler verwalten und deren Resultate darstellen, sowie einen brauchbaren Messenger am besten mit Videooption beinhalten. Der Rest sollen Module bereitstellen: Wenn ich mit meinen Schülern über soziale Netzwerke spreche, soll ein Socialmedia Modul diese Funktionen zur Verfügung stellen, wenn Energieformen behandelt werden, kommt ein Physikmodul dazu etc. Diese Module können entweder kommerziell von einer Firma dazugekauft oder kostenlos von Opensource Communities angeboten werden. Die Plattform erfüllt die Datenschutzanforderungen und verhindert, dass die Anbieterfirmen und alle anderen nicht auf die Schülerdaten zugreifen können. Dann wäre es auch für kleinere Firmen wieder interessant, Software für Schulen zu entwickeln, weil die ganze Plattform nicht neu programmiert werden müsste.

Quellen:

https://www.mdr.de/thueringen/bussgelder-lehrer-datenschutz-kritik-100.html

https://de.wikipedia.org/wiki/CLOUD_Act

https://www.educanet2.ch/wws/38369796.php

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